
MEANINGFUL MISTAKES
Luise Leon Elbern
Architektur gilt als Disziplin der Planung und Kontrolle. Die architektonische Praxis entzieht sich jedoch häufig einer linearen Logik und eindeutigen Planbarkeit. Insbesondere im Bauen mit Bestand sowie in kollaborativen Arbeitsweisen, in denen (Material-) Restriktionen, Aushandlungen und unvorhersehbare Bedingungen den Entwurf maßgeblich beeinflussen, werden großzügigere Strategien erforderlich. Das ForschungsprojektMeaningful Mistakes öffnet sich daher dem Fehler, nicht als bloßem Mangel, sondern als produktiver Ressource der Raumproduktion.
Der englische Begriff mistake verweist bereits auf einen weiteren „take“, einen anderen Versuch, eine alternative Lesart oder eine weitere Möglichkeit. Ebenso beschreibt das lateinische errare (irren, umherschweifen) ein „erratisches" Suchen, anstatt einem festen Plan zu folgen. Anders als der Defekt, der auf einen inhärenten Mangel verweist, bezeichnet der Fehler lediglich eine Abweichung von Erwartung (verfehlen) und ist damit kulturell, sozial und historisch bedingt. Gerade in dieser Offenheit gegenüber Ungewissheit und Inkonsistenz liegen die Spannung und das produktive Potenzial des Fehlers. Henri Lefebvre beschreibt solche Momente, in denen Routinen und vertraute Situationen leicht verschoben werden, als die „Würze der Banalität“ mit besonderem ästhetischen und affektiven Potenzial. Zugleich ist der Fehler unverzichtbarer Bestandteil jedes Lern- und Entwicklungsprozesses und häufig Ausgangspunkt unerwarteter Erfindungen.
Vor dem Hintergrund gegenwärtiger sozial-ökologischer Krisen erscheint es notwendig, etablierte Leitbilder und Normen zu hinterfragen, umzudeuten oder gezielt zu missachten. In Anlehnung an Denise Scott Brown geht das Projekt davon aus, dass neue architektonische Ausdrucksformen zunächst häufig irritieren oder „hässlich" erscheinen, bevor sie neue ästhetische Maßstäbe hervorbringen.
Meaningful Mistakes untersucht Fehler sowie ihre Bedeutung für eine resonante Baukultur im Umgang mit vorhandenen Materialien und sozialen Strukturen und fragt: Wie lassen sich Unvorhersehbarkeit, Kontrollverlust und Irritation methodisch und entwerferisch produktiv machen? Welche räumlichen, materiellen und ästhetischen Qualitäten entstehen daraus
Die Auseinandersetzung erfolgt ästhetisch, indem Fehler als skurrile, ambivalente und architektonisch-poetische Ausdrucksformen betrachtet werden; methodisch, durch Entwurfsprozesse, die Kuration und offene Handlungsanweisungen (etwa Scores oder Partituren) integrieren; sowiediskursiv, indem zeitgenössische Positionen, Theorien aus Kunst und Architektur und eigene Projekte miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Die praktische Erforschung basiert auf fotografischen Sammlungen mit Bild-Begriffs-Arbeiten, sowie Ausstellungs-, Umbau- und Lehrprojekten im Bestand urbanen Interventionen und kollaborativen Formaten. Begleitet werden diese durch Prozessnotationen, die als paralleles Reflexionsinstrument Muster, Methoden und Erkenntnisse der Entwurfsprozesse sichtbar machen. Theoretisch nimmt Meaningful Mistakes Bezug auf Ideen von Serendipität und Glitch, auf Konzepte der Open Form, Bricolage und das Object trouvé sowie auf Ansätze des New Materialism und hinterfragt dabei Paradigmen von Autor:innenschaft, Präzision und Perfektion.
So erprobt Meaningful Mistakes eine fehlerfreundliche Architekturpraxis, geprägt von bewusster, behutsamer Nachlässigkeit („delicate carelessness"), die den Fehler als gestalterische und gesellschaftliche Ressource ernst nimmt und seine Bedeutung für Entwerfen und Bauen sichtbar macht.

Kirchen: Raumressource & Kulturgut
Innenräumliche Nachverdichtung für gleichzeitige sakrale & profane Hybridnutzung von Kirchen
Johanna Bornkamm
Anlass
Sehr viele Kirchen sind von Leerstand, Privatisierung und sogar Abriss bedroht, und alle Disziplinen in der interdisziplinären Debatte um die Zukunft der Kirchen in Deutschland sind sich einig, dass ein Großteil nicht für ausschließlich sakrale Nutzung erhalten werden kann. Dementsprechend sind die evangelische und die katholische Kirche dazu aufgefordert, bis 2060 ein Drittel ihres Gebäudebestands aufzugeben.1
Dieser drohende Verlust von Kirchen steht in diametralem Gegensatz zu ihrer kulturellen , sakralen und gesellschaftlichen Bedeutung . Auf Grund ihrer Omnipräsenz, ihrer räumlichen Struktur und ihres Raumvolumens stellen Kirchen im Angesicht der Klimakatastrophe außerdem eine wichtige Ressource dar: eine Raumressource.2 Folglich können wir uns den Verlust weiterer Kirchen nicht leisten.
Forschungshypothese
Gleichzeitige sakrale & profane Hybridnutzung stellt für die o.g. Problemstellung die bedeutende Strategie dar, um Kirchengebäude als öffentliche, gemeinwohlorientierte Orte zu erhalten – sowohl aus kirchlicher als auch gesellschaftlicher Perspektive: Für die Institution Kirche birgt sie die große Chance, sich mit ihrem sozialen Auftrag trotz knapper finanzieller Mittel, sinkender Mitgliederzahlen und inhaltlicher Aushandlungsprozesse wieder glaubhaft in der Gesellschaft zu verankern. Für die Gesellschaft wird in Städten, die von den Auswirkungen der Klimakatastrophe und sozialer Segregation bedroht sind, Raum für gemeinwohlorientiertes Miteinander erschlossen. Viele Kirchen bieten hierfür optimale Voraussetzungen, denn sie verfügen auf Grund folgender räumlicher Parameter über ein sehr großes innenräumliches Nachverdichtungspotential: [1] vielfältige Belichtung [2] starke horizontale/ vertikale Zonierung und klare tektonische Gliederung [3] große Raumhöhe [4] enormes Raumvolumen [5] gute horizontale/ vertikale Erschließung [6] klare statische Systeme mit großen statischen Reserven [7] hochwertige, langlebige Baumaterialien
Forschungsziel
Innenräumliche Nachverdichtung für gleichzeitige sakrale & profane Hybridnutzung baulich zu ermöglichen und dabei die sakralräumlichen Qualitäten zu erhalten, ist jedoch eine sehr große entwurfliche Herausforderung, der ich mich in meinem Promotionsvorhaben am Beispiel gründerzeitlicher Kirchen in Berlin in folgenden Bearbeitungsschritten widmen möchte: Mit der [A] Bestandsaufnahme (inkl. Planrecherche) und [B] Analyse städtebaulicher und architektonischer Qualitäten sowie [C] Definition räumlicher Typologien für innenräumliche Nachverdichtung. Aufbauend auf den Analyseergebnissen möchte ich die räumlichen Potentiale für innenräumliche Nachverdichtung von Kirchenräumen in [D] Entwurfsstudien baulich nachweisen. Da Kirchen in vielen Fällen und v.a. innerhalb einer Epoche große strukturelle, räumliche Ähnlichkeiten aufweisen, versprechen diese Untersuchungen übertragbare Forschungsergebnisse. Ziel meines Vorhabens ist die Entwicklung von [E] Prototypen innenräumlicher Nachverdichtung von Kirchenräumen, die über die Bildung von Typologien auf den Einzelfall übertragbar und damit praktisch anwendbar werden.
1 Schmidt, Adalbert, und Karl Schmiemann, Kirchliche Baudenkmale - Kulturelles Erbe auf einem steinigen Weg in die Zukunft, in Kirche & Recht, Band 28, Heft 2, 2022, S. 176ff.
2 Das Erschließen von Bestandsgebäuden für neue oder ergänzende Nutzungen ist der wichtigste Baustein für die dringend erforderliche Bauwende.
