
OMNES, OMNIA, OMNINO DOCERE – Eine Entwurfsstrategie resiIienter Bildungsbauten
Martin Hamann
Mit dem progressiven Leitsatz „Omnes, omnia, omnino docere“ 1 („Allen alles vollständig zu lehren.“) formulierte der Bildungsreformer Johann Amos Comenius (1592-1670) eine zentrale Forderung an die Bildung - zu einem Zeitpunkt, als der Zugang zu Wissen noch nahezu ausnahmslos einer Elite vorbehalten war. An dieser einleuchtenden Forderung arbeitet sich das Bildungssystem in den folgenden Jahrhunderten seit der frühen Neuzeit bis heute in den unterschiedlichsten Disziplinen ab. Der Entwurf von Orten der Wissensvermittlung, als eine dieser Disziplinen, reagiert der jeweiligen Zeit entsprechend unmittelbar auf vorherrschende pädagogische, gesellschaftliche und normative Tendenzen in Form konkreter räumlicher Strukturen. Bei einer seit der frühen Neuzeit exponentiell ansteigenden Anzahl unterschiedlicher Verfassungen, Konzepten und Normierungen der uns umgebenden Bildungseinrichtungen, entstehen als bauliche Antwort folglich immer mehr spezialisierte Strukturen und Typologien, die in ihren räumlich konzeptionellen Zuordnungen,Interpretationen in Form zeitgleicher oder aufeinanderfolgender Mehrfachnutzungen erschweren oder unmöglich machen.
In der Grundschule, die ich Ende der 1980er Jahren besucht habe, gab es einen Sing- und Filmsaal, einen Handarbeits- und Werkraum und zweiseitig belichtete und belüfteteKlassenräume, die bewusst die Nähe zur Natur herzustellen versuchten (Schuster-Typ). In den 1990er Jahren hatte ich teilweise Unterricht in Sprachlaboren, die nicht mehr entsprechend ihrer ursprünglichen Widmung genutzt wurden. Die zu Grunde liegenden pädagogischen, didaktischen und gesellschaftlichen Tendenzen hatten in ihrer Zeit eine tiefgreifende Berechtigung, wurden aber in beiden Fällen durch Abbruch, bzw. Teilabbruch und Neubau aktuelleren Tendenzen entsprechend dauerhaft überschrieben.
Spricht man heute über die Entwicklung einer Idee, bestehende öffentliche Bildungsbauten zu transformieren oder neu zu entwerfen, lassen sich nach meinen Beobachtungen mindestens zwei grundlegend verschiedenartige Denkrichtungen erkennen: Aus der Perspektive des planenden Architekten vollzieht sich ein gedanklicher Prozess, dem grundlegend die strukturellen Anforderungen des Nutzers, die Betrachtung des Ortes und der relevanten Normen und Regeln zu Grunde liegen. Das Interesse des Bauherrn als Gegenüber scheint erst mit dem konkreten Zeitpunkt der Fertigstellung des Gebäudes zu beginnen und beschäftigt sich überwiegend mit der Einbettung prognostizierter alltäglicher Abläufe in komplexe bürokratische Ordnungsprinzipien. Offensichtlich stellt diese Vielzahl an unterschiedlichen Perspektiven, Vorgaben und Konzepten eine derartige Überforderung dar, dass in den letzten Jahren ein sichtbarer Investitionsstau für Bildungseinrichtungen entstanden ist.
Die Forschungsarbeit geht der Frage nach, wie unter der Berücksichtigung komplexer regelbasierter Rahmenbedingungen und zeitgemäßer pädagogischer Konzepte resiliente Gebäudestrukturen neu entstehen oder im Bestand transformiert werden können, die in ihrer Nutzung dauerhaft Raum für unterschiedliche Bildungsszenarien gleichzeitig oder aufeinanderfolgend zur Verfügung stellen.
1 Johann Amos Comenius, Didactica magna. Universale omnes omnia docendi artificium exhibens,
Amsterdam 1657, Titelblatt

OMNES, OMNIA, OMNINO DOCERE – Eine Entwurfsstrategie resiIienter Bildungsbauten
Martin Hamann
Mit dem progressiven Leitsatz „Omnes, omnia, omnino docere“ 1 („Allen alles vollständig zu lehren.“) formulierte der Bildungsreformer Johann Amos Comenius (1592-1670) eine zentrale Forderung an die Bildung - zu einem Zeitpunkt, als der Zugang zu Wissen noch nahezu ausnahmslos einer Elite vorbehalten war. An dieser einleuchtenden Forderung arbeitet sich das Bildungssystem in den folgenden Jahrhunderten seit der frühen Neuzeit bis heute in den unterschiedlichsten Disziplinen ab. Der Entwurf von Orten der Wissensvermittlung, als eine dieser Disziplinen, reagiert der jeweiligen Zeit entsprechend unmittelbar auf vorherrschende pädagogische, gesellschaftliche und normative Tendenzen in Form konkreter räumlicher Strukturen. Bei einer seit der frühen Neuzeit exponentiell ansteigenden Anzahl unterschiedlicher Verfassungen, Konzepten und Normierungen der uns umgebenden Bildungseinrichtungen, entstehen als bauliche Antwort folglich immer mehr spezialisierte Strukturen und Typologien, die in ihren räumlich konzeptionellen Zuordnungen,Interpretationen in Form zeitgleicher oder aufeinanderfolgender Mehrfachnutzungen erschweren oder unmöglich machen.
In der Grundschule, die ich Ende der 1980er Jahren besucht habe, gab es einen Sing- und Filmsaal, einen Handarbeits- und Werkraum und zweiseitig belichtete und belüfteteKlassenräume, die bewusst die Nähe zur Natur herzustellen versuchten (Schuster-Typ). In den 1990er Jahren hatte ich teilweise Unterricht in Sprachlaboren, die nicht mehr entsprechend ihrer ursprünglichen Widmung genutzt wurden. Die zu Grunde liegenden pädagogischen, didaktischen und gesellschaftlichen Tendenzen hatten in ihrer Zeit eine tiefgreifende Berechtigung, wurden aber in beiden Fällen durch Abbruch, bzw. Teilabbruch und Neubau aktuelleren Tendenzen entsprechend dauerhaft überschrieben.
Spricht man heute über die Entwicklung einer Idee, bestehende öffentliche Bildungsbauten zu transformieren oder neu zu entwerfen, lassen sich nach meinen Beobachtungen mindestens zwei grundlegend verschiedenartige Denkrichtungen erkennen: Aus der Perspektive des planenden Architekten vollzieht sich ein gedanklicher Prozess, dem grundlegend die strukturellen Anforderungen des Nutzers, die Betrachtung des Ortes und der relevanten Normen und Regeln zu Grunde liegen. Das Interesse des Bauherrn als Gegenüber scheint erst mit dem konkreten Zeitpunkt der Fertigstellung des Gebäudes zu beginnen und beschäftigt sich überwiegend mit der Einbettung prognostizierter alltäglicher Abläufe in komplexe bürokratische Ordnungsprinzipien. Offensichtlich stellt diese Vielzahl an unterschiedlichen Perspektiven, Vorgaben und Konzepten eine derartige Überforderung dar, dass in den letzten Jahren ein sichtbarer Investitionsstau für Bildungseinrichtungen entstanden ist.
Die Forschungsarbeit geht der Frage nach, wie unter der Berücksichtigung komplexer regelbasierter Rahmenbedingungen und zeitgemäßer pädagogischer Konzepte resiliente Gebäudestrukturen neu entstehen oder im Bestand transformiert werden können, die in ihrer Nutzung dauerhaft Raum für unterschiedliche Bildungsszenarien gleichzeitig oder aufeinanderfolgend zur Verfügung stellen.
1 Johann Amos Comenius, Didactica magna. Universale omnes omnia docendi artificium exhibens,
Amsterdam 1657, Titelblatt
